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2001-05-14; Seite 2 Hintergrund Timothy McVeigh und die Akte Oklahoma City
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Im Bestseller "American Terrorist" gibt sich Timothy McVeigh in einer Serie von Interviews als eiskalter, reueloser Killer. Er sei allein für den Anschlag verantwortlich, sagt er und bezeichnet die dabei umgekommenen Kinder als "Begleitschäden". Bewusst zieht er den Hass der Nation auf sich. In einer Zeit, wo die Todesstrafe in Frage gestellt wird, gilt McVeigh als Beweis ihrer Rechtmässigkeit. Nicht wie geplant am 15. Mai, sondern am 11. Juni werden, sofern es nicht in letzter Stunde noch einmal anders kommt, rund 280 Überlebende und Familienangehörige in Oklahoma City mittels einer direkten Videoübertragung zusehen, wie McVeigh mit einer Giftspritze hingerichtet wird. Sie hoffen, dass die Tragödie damit für sie abgeschlossen ist. Nicht alle Betroffenen teilen diese Hoffnung. Kathy Wilburn verlor ihre Enkel in den Trümmern von Oklahoma City. Sie wehrt sich gegen McVeighs Hinrichtung. "Ich bin überzeugt, dass er für seine Taten den Tod verdient. Trotzdem bin ich nicht dafür, ihn umzubringen. Mit dem Tod von McVeigh wird die Wahrheit sterben." Niemand bestreitet, dass McVeigh am Anschlag beteiligt war. Aber war er tatsächlich der Hauptverantwortliche? Oder bloss eine Schachfigur? Ist es möglich, dass eine einzige Bombe die massive Explosion verursachen konnte? Und welche Rolle spielte der deutsche Waffenexperte Andreas Strassmeir? Ein katastrophaler AnschlagDas schwerste Attentat in der amerikanischen Geschichte erschütterte am 19. April 1995 um neun Uhr morgens das Stadtzentrum von Oklahoma City. In den Trümmern eines Bürogebäudes der Bundesverwaltung starben 168 Menschen, weitere 500 wurden verletzt. Kathy Wilburn hatte sich mit ihrer Tochter im Stadtzentrum getroffen und war eine der ersten Zeuginnen am Tatort. "Der 19. April radierte mein Leben aus", sagt sie. Kathys zwei Enkelsöhne befanden sich im Kinderhort im ersten Stock des Gebäudes. "Wir rannten hin und erfuhren, dass beide tot waren." Bei dem Anschlag kamen 19 Kinder um. Der Verdacht richtete sich zuerst gegen jene arabischen Terroristen, denen auch der Bombenanschlag am World Trade Center zur Last gelegt wurde. Als die Medien über die Verhaftung von McVeigh berichteten, löste das Bild eines jungen, weissen Amerikaners Schock aus. McVeigh hatte knapp anderthalb Stunden nach der Explosion die Aufmerksamkeit einer Polizeistreife erweckt. Auf einer abgelegenen Strassenstrecke nördlich von Oklahoma City wurde er wegen überhöhter Geschwindigkeit und fehlender Registrationsmarken in seinem Auto angehalten. Der Polizist bemerkte, dass der Fahrer unter seiner Jacke eine Waffe trug. Im Golfkrieg hatte sich der ehemalige Soldat McVeigh als Scharfschütze ausgezeichnet und eine ganze Truppe von Irakern zur Aufgabe gezwungen. Jetzt reichte er dem Polizisten ohne Widerstand seine halbautomatische Pistole und liess sich verhaften. McVeighs Motive, wie er später selber angab, lagen in seinen rechtsradikalen Überzeugungen und dem Zorn auf eine Regierung, von der er sich verraten fühlte. Der Bombenanschlag in Oklahoma City war die Vergeltung für den Sturm des FBI auf die Branch-Davidian-Siedlung im texanischen Waco. Dort verbrannten genau zwei Jahre vorher, am 19. April 1993, 80 Menschen, darunter 25 Kinder. Im Prozess gegen McVeigh und im späteren Verfahren gegen seinen Armeekameraden Terry Nichols stützte sich die Anklage auf Indizienbeweise. Der schwerstwiegende Umstand war der von McVeigh gemietete Kastenwagen, der die Bombe enthielt. Zeugen, die einen Mann in Begleitung von McVeigh im Wagen sahen, wurden nicht vorgeladen. Die Strategie der Staatsanwaltschaft war es, den Tatablauf für die Geschworenen auf den einfachsten Nenner zu reduzieren. Die BombenkontroverseDabei sind sich Experten nicht einmal einig, ob es sich bei der Explosion um eine oder mehrere Bomben handelte. Geologen an der Universität von Oklahoma registrierten zwei separate Schockwellen. John Culbertson, ein Gebäudesicherheitsexperte in Washington, erstellte eine detaillierte Analyse einer Reihe von Bombentests. Diese waren vom Wright Laboratory an Testgebäuden auf dem Gelände der Eglin Air Force Base in Florida durchgeführt worden. Culbertson kam zum Schluss, es sei unmöglich, dass eine einzige, zwei Tonnen schwere, aus Dünger verfertigte Bombe den in Oklahoma City demonstrierten Effekt anrichten konnte. "Die Zerstörung kann nicht das Resultat der Bombe im Wagen sein, sondern ist anderen Faktoren wie innerhalb des Gebäudes platzierten Sprengkörpern zuzuschreiben", erklärte Culbertson in seinem Bericht und in einem Interview mit dem TA. Culbertson, der mit dem US-Abgeordneten James Trafficant einen Gesetzesentwurf zur verbesserten Sicherung von öffentlichen Gebäuden entworfen hat, liess den Bericht in politischen Kreisen in Washington zirkulieren. Im Prozess gegen McVeigh wurde er nicht verwendet. McVeigh selber hat niemals Informationen über die Fabrikation und Detonation der Bombe preisgegeben. Sein Verteidiger während des Prozesses, Stephen Jones, liess verlauten, McVeigh habe Aussagen gemacht, welche er, Jones, wegen seiner Schweigepflicht nicht preisgeben durfte. Ein Gericht befreite Jones vor kurzem von dieser Verpflichtung. In einer am 9. Mai erschienenen, neuen Version seines Buches "Others Unknown" verrät Jones, warum McVeigh nicht der Fadenzieher gewesen sein soll. "Ich will nicht sagen, er sei unschuldig. Er hat seine Schuld übertrieben, um andere zu schützen. Er spielte eine Rolle, aber er war ein Soldat, nicht der General." Es war nicht das erste Mal, dass das Murrah-Gebäude in Oklahoma City zur Zielscheibe wurde. Der Rechtsextreme Richard Wayne Snell plante 1983 eine ähnliche Attacke, die aber im letzten Moment von den Behörden verhindert werden konnte. Snell wurde wegen zweier nicht damit zusammenhängender Morde zum Tod verurteilt und in Oklahoma City hingerichtet - am 19. April 1995. Er lebte noch lange genug, um das Murrah-Gebäude zerstört zu sehen. Richard Snell wurde in Elohim City begraben, einem neofaschistischen Stützpunkt im ländlichen Oklahoma. Sicherheitschef in Elohim war der Deutsche Andreas Strassmeir, ein ehemaliger Bundeswehr-Oberfeldweibel und Sohn des früheren parlamentarischen CDU-Staatssekretärs im Kanzleramt, Günter Strassmeir. Vom Telefon der Mietfiliale des Kastenwagens rief McVeigh oder ein Mittäter Strassmeir an. Strassmeir erklärte später, der Anruf habe ihn nicht erreicht. Carol Howe, ein Spitzel des ATF (US Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms), gab in einem Bericht an, Strassmeir habe die Neofaschisten in Elohim City in der Handhabung automatischer Waffen und Sprengstoffe unterrichtet. McVeigh habe Elohim City in jenem Zeitraum besucht. Andreas Strassmeir kehrte drei Monate nach dem Bombenanschlag nach Deutschland zurück und wurde vom FBI telefonisch befragt. Er bestritt, in die Tat verwickelt zu sein. In einem Interview mit dem britischen Journalisten Ambrose Evans-Pritchard soll Strassmeir aber angedeutet haben, im Auftrag der amerikanischen Regierung als Agent provocateur im rechtsradikalen Milieu tätig gewesen zu sein. Rechtsradikale TheorienDie rechtsradikale Bewegung in den USA ist in Hunderte von Gruppen zersplittert. Der Fokus der so genannten Milizen ist der Aufstand gegen die Macht der zentralen Bundesregierung. Dr. Tanis Lovercheck-Saunders an der Universität von North Dakota hat die Milizen eingehend studiert. Sie glaubt nicht, dass die meisten der Mitglieder Gewalttaten unterstützen, "obwohl viele erklärt haben, dass in Wirklichkeit die Regierung (für den Bombenanschlag) verantwortlich sei. Es gibt Elemente innerhalb der Milizen, die glauben, sie seien Teil eines heiligen Krieges." David Hoffman, Autor von "The Oklahoma City Bombing and the Politics of Terror" glaubt, dass die ATF von Oklahoma City eine spektakuläre Verhaftung rechtsradikaler Terroristen inszenieren wollte und die Sache schief lief. Ein führender FBI-Agent droht dem Verlag mit einer Gerichtsklage, worauf Hoffmans Buch eingestampft wurde. Eine Neufassung ist seit kurzem wieder erhältlich. Das Vorwort zum Buch schrieb Charles Key, ein ehemaliger republikanischer Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Oklahoma. Der in seinem Wahlkreis in Oklahoma City beliebte Gesetzgeber galt unter Kollegen als intelligenter, solider Konservativer und wurde sechsmal mit hoher Stimmenzahl wiedergewählt. Als Key die offiziellen Ermittlungen in Oklahoma City in Frage stellte, beendete eine Hetze der Lokalmedien seine Karriere. Sein Parteikollege, der republikanische Gouverneur Frank Keating, bezeichnete Keys Ideen als "bizarr". Keating ist mittlerweile ein Topkandidat für die Nachfolge des scheidenden FBI-Direktors Louis Freeh. Trotzdem gelang es Key, eine unabhängige Untersuchung durch ein staatliches Geschworenengericht in die Wege zu leiten. Dessen Urteil deckte sich mit dem Fazit des ursprünglichen Gerichtsprozesses. Charles Key und sein Komitee forschten auf eigene Faust weiter, ihr Bericht soll im Mai veröffentlicht werden. Key wirft der Bundesregierung vor, "durch Informanten und Agenten die Rhetorik (der rechtsextremen Milizen) zur Gewalt gesteigert zu haben". Er ist noch immer überzeugt, dass McVeigh nicht die Alleinverantwortung trägt. In einem Interview mit dem TA sagte er: "So wie die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht, zeigen die Fakten jedem, der sie sehen will, dass andere in diesen Fall verwickelt sind." Diese Meinung teilen nicht nur Aussenseiter wie Key. Eine für eine renommierte New Yorker Tageszeitung tätige Journalistin hat den Fall während Jahren recherchiert. Sie glaubt, dass mehr hinter der Bombenverschwörung steckt, als vor Gericht aufgedeckt wurde. "Die ursprüngliche Anklage erwähnte «andere Unbekannte», und das Beweismaterial deutet darauf hin, dass diese Anderen tatsächlich existieren", erklärte sie dem TA, mit der Bitte, nicht namentlich genannt zu werden. "Niemand ausser McVeigh weiss die ganze Wahrheit, und er hat von Anfang an gelogen und lügt noch immer." Ist McVeigh ein "amerikanischer Terrorist" oder ein braver Soldat, der bis zuletzt schweigt? Mit seiner Hinrichtung würde die Akte Oklahoma City in den Archiven begraben.
McVeighs LebenslaufSan Francisco. - Timothy McVeigh, 33, wuchs in einer konservativen, weissen Kleinstadt im Bundesstaat New York auf. Seine Mutter verliess die Familie, als er zehn war. Er und seine zwei Schwestern blieben beim Vater, der Nachtschicht arbeitete. Schon als Junge war McVeigh von Waffen fasziniert. Obwohl überdurchschnittlich intelligent, zeigte er in der Schule wenig Interesse. Er besuchte für kurze Zeit die Universität, bevor er in die Armee eintrat. Seine aussergewöhnliche Disziplin und sein Einsatz brachten ihm während des Golfkrieges 1991 mehrere Orden. Er brach seine viel versprechende Militärkarriere ab, nachdem er die Prüfung zur Elitetruppe "Green Berets" nicht bestanden hatte. McVeigh war fasziniert von den "Turner-Tagebüchern", einem rechtsextremistischen Buch, das zum bewaffneten Widerstand gegen die "zionistische Regierung" aufruft. Er reiste im ganzen Land herum und verkaufte an Waffenschauen das Traktat. In Waco protestierte er gegen die FBI-Belagerung der Branch-Davidian-Siedlung. Zusammen mit seinem Armeekameraden Terry Nichols kaufte er mehrmals grössere Mengen von Ammoniumnitrat und Benzin, anscheinend mit dem Ziel, Bomben zu basteln. In den zwei Jahren zwischen Waco und dem Attentat in Oklahoma City lebte er unter anderem in Arizona bei Michael and Lori Fortier, welche später als Kronzeugen bei seinem Prozess auftraten. Sarah Paris und Mark Werlin
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Verschwörungstheorien"American Terrorist: Timothy McVeigh and the Oklahoma City Bombing", Lou Michel, Dan Herbeck "Others Unknown: Timothy McVeigh and the Oklahoma City Bombing Conspiracy", Stephen Jones, neue Version bei amazon.com "The Oklahoma City Bombing and the Politics of Terror", David Hoffman, Neuversion, erhältlich auch auf dem Internet unter www.constitution.org "The Secret Life of Bill Clinton: The Unreported Stories" by Ambrose Evans-Pritchard (enthält das Interview mit Andreas Strassmeir) Website von Charles Keys Komitee: www.okcbombing.org Eine Schweizer Website mit detaillierten Informationen
zum Bombenanschlag (auf Englisch): |