2001-06-01; Seite 2 Hintergrund

Die Angst der "Anglos" vor den Latinos
von Sarah Paris, San Francisco

L.A. - Der kalifornische Traum entspricht an diesem Morgen gar nicht seinem sonnigen Klischee, sondern der für den Frühsommer typischen Wirklichkeit: Es ist bewölkt und dunstig. Ranchera-Musik und der Duft von Maistortillas wehen die nach dem mexikanischen Arbeiterführer benannte Avenida Cesar Chavez hinunter. Einst hiess sie Brooklyn Avenue, und das Viertel war jüdisch. Jetzt flattert neben der Pharmacia Ramirez ein blaues Banner mit dem Namen, der eine neue Ära verkünden will: Antonio Villaraigosa.

Aggressive Kampagne gegen East L.A.

Villaraigosa, der hier im Osten der Grossstadt aufwuchs, war Favorit im Rennen für das Bürgermeisteramt der zweitgrössten Stadt der USA. Seine Wahl würde ihn faktisch zum führenden Latino der USA küren - zur Symbolfigur einer Minderheit, die in Los Angeles bereits eine Mehrheit ist. Doch in der letzten Umfrage liegt er sieben Prozent hinter seinem Rivalen James Hahn.

Hahns aggressive Kampagne will Villaraigosa mit dem Label "soft on crime" kaltstellen. Fernsehspots zeigen die Bilderfolge: Kokain, Crack, Villaraigosa. Dieser bat als staatlicher Abgeordneter in einem Schreiben an Clinton um Gnade für den wegen Drogenhandels verurteilten Sohn eines Freundes. Dieser Fehltritt könnte ihn die Wahl kosten.

Denn die Angloamerikaner auf der Westseite und im konservativen San Fernando Valley haben Angst. Sie fürchten sich vor Verbrechern, vor Gangs und vor allem vor der Zerstörung ihres "Way of Life" durch die braunen Massen im Osten und Süden. East L.A. als wuchernder Gettopilz, von illegalen Taglöhnern bewohnt und von mexikanischen Gangstern regiert - so zeigt es das Fernsehen. Die meisten Anglos haben East L.A. noch nie in ihrem Leben besucht.

Auf der Avenida Cesar Chavez bestätigen sich die Klischees zumindest auf den ersten Blick. Bei einer Bushaltestelle drängeln sich Frauen und Kleinkinder und versperren den mit Abfall bestreuten Gehsteig. "Für Latinos sind Bushaltestellen soziale Treffpunkte", kommentiert James Rojas, der hier aufwuchs und das Viertel kennt wie seine Hosentasche. Er arbeitet als Projektmanager für die städtischen Transportbetriebe und versucht, die Planer auf die Bedürfnisse der Latino-Bevölkerung aufmerksam zu machen. "Wenn nicht genug Platz vorgesehen ist, gibt es eben Stau. Und wenn die Papierkörbe zu selten geleert werden, landet der Abfall auf dem Boden. Die Planer messen nach ihren eigenen Massstäben, nicht nach jenen der Latinos. Sie verstehen nicht, wie East Los Angeles wirklich funktioniert."

Hilfe für Gang-Aussteiger

Villaraigosa, dessen Mutter ihr Leben lang mit dem Bus zur Arbeit fuhr, versteht das System in East Los Angeles. Nur allzu gut, meinen seine Gegner. Sie weisen darauf hin, dass er als junger Bursche einmal bei einer Schlägerei verhaftet worden sei, und sie deuten an, er sei Gang-Mitgliedern gegenüber freundlich eingestellt.

Wer nach solchen Gang-Mitgliedern sucht, kann sie in einem Gebäude an der First Street antreffen. Hinter dem unscheinbaren Eingang befindet sich ein blitzsauberes, modern ausgestattetes Grossraumbüro. Es ist das Hauptquartier von "Homeboy Industries", gegründet von einem Priester, der ehemaligen Gang-Mitgliedern den Ausstieg ermöglichen wollte. Die Leiterin, Cara Gould, zeigt auf ein Foto von Villaraigosa: "Er gab uns das Geld für das Gebäude." Sie macht keinen Hehl daraus, dass die Wahl von Villaraigosa der Organisation helfen würde. "Er hat es uns ermöglicht, Verträge mit der Stadt abzuschliessen."

Einer der Aufträge betrifft das Entfernen von Graffiti. Das G-Team hat gerade Pause und plaudert mit einer Kollegin, die am Computer sitzt. Tätowierte Muskeln, kahl geschorene Köpfe über Stiernacken, Ohrringe, schwarze Sonnenbrillen - und farbbekleckerte Malerhosen. "Wir beschäftigen ehemalige Mitglieder von fünf gegnerischen Gangs. Bei uns arbeiten sie Seite an Seite." Cara ist stolz auf ihre "Homeboys", denn der Weg von den Gangs ins Arbeitsleben ist extrem schwierig. Tätowierungen kann man entfernen, das Strafregister bleibt einem aber erhalten, und die mangelnde Schulbildung kann man nicht immer nachholen.

"Villaraigosa ist hier aufgewachsen und versteht die Komplexität des Problems. Latinos aus der Mittelklasse können diese Schranken nicht sehen. Sie sind meist noch kritischer und intoleranter als Angloamerikaner", meint Cara zum Abschied.

Reiche Latinos gegen Villaraigosa

Die konservative Oberschicht der Latinos ist von Villaraigosa wenig begeistert. Nora Lopez wuchs auf der Westseite auf und gibt zu, früher nie East L.A. besucht zu haben. Jetzt hakt sie vor der Roosevelt High School die Namen einer Reihe junger Mädchen ab, welche ihre Rucksäcke in einen Bus verladen. Nora leitet eine Gruppe, welche Latinas im Schulalter zu Vorbildern und zu neuen Perspektiven verhelfen soll. Bei der Erwähnung von Villaraigosa rümpft das ehemalige Fotomodell die Nase, will aber nicht erklären, was ihr am Kandidaten nicht behagt. "Gewisse Leute finden einfach, er trumpfe zu sehr mit der Latino-Karte. Er möchte mit seiner Herkunft Punkte schinden."

Nora organisiert für ihre Schulmädchen Modeschauen und Campingausflüge als Inspiration. "Wir wollen ihnen zeigen, was sie erreichen können, wenn sie hart arbeiten und in der Schule bleiben." Der Bus mit den Mädchen fährt ab, ohne Nora Lopez. Diese steigt stattdessen in ihren BMW und braust davon.

Ein paar Strassen weiter liegt das Jugend- und Familienzentrum von East L.A., ein bildschön renoviertes, altes Gebäude. Hier sind verschiedene Organisationen daheim. Elsa Lopez*, die Leiterin der "Madres del Este de Los Angeles", ist kein Neuling in der politischen Arena. Die von ihrer Mutter gegründete Organisation ist seit 1984 Jahren aktiv und gilt als Vorbild für von Frauen der Unterschicht geleitete Basisbewegungen.

Früher war das Motto unter den Latinas: nicht aufmucken, sich nicht wehren. Als der Staat mitten in unserer Gemeinde ein neues Gefängnis bauen wollte, mussten wir zuerst von Haus zu Haus gehen, um Widerstand zu mobilisieren. Die Wende kam, als der (damalige Gouverneur) George Deukmeijan zynisch fragte: "Warum wehrt ihr euch gegen das Gefängnis? Wenn es in der Nähe liegt, ist es doch umso einfacher, eure Familienmitglieder zu besuchen."

Die "madres" leisteten dem Gefängnisbau erfolgreich Widerstand. In der Folge wehrten sie sich gegen den Bau von umweltverschmutzenden Verbrennungsanlagen in East L.A. und entwarfen in Zusammenarbeit mit den Stadtbehörden ein Wasserkonservierungsprogramm, das ähnlichen Gruppen bis nach Südafrika als Beispiel dient.

"Hier bin ich daheim"

"Latinos begreifen oft nicht, wie die Regierung hier funktioniert. In Amerika muss man auf die Pauke hauen, bevor man gehört wird", meint James Rojas. "Wir haben das Gefühl, ausserhalb der Familie könne man niemandem trauen. Ohne diese Schranken zu überwinden, werden wir nicht vorwärts kommen."

Das Jugend- und Familienzentrum von East L.A. wird von Ozzie Lopez geleitet, einem jungen Aufsteiger, der bereits mit einer Karriere als Politiker liebäugelt. Wie Villaraigosa wuchs er als Sohn von Immigranten hier auf. "Über East L.A. lag schon immer dieses Vorurteil", sagt er und blickt aus dem Fenster auf die Türme der Hl.-Marien-Kirche. "Wenn du anderswo erwähnst, wo du herkommst, haben sie immer dieses Klischee vor Augen. Aber für die Menschen, die hier leben, ist es ein Zuhause - ein gutes Zuhause. Ich hätte in einem anderen Stadtteil ein Haus kaufen können. Aber hier bin ich daheim."

Die Häuser in East L.A. sagen viel aus über dieses "Daheim". Was in den Vororten im Valley maniküriert und dem Nachbarn angepasst ist, zeigt hier Individualität und Ausdruckskraft. Spielzeuge auf dem Rasen eines Hauses verkünden, dass hier eine kinderreiche Familie lebt. Eine Garage, wo eine Hausfrau billig geschneiderte Kleider verkauft, zeugt von Unternehmergeist. Die schmiedeeisernen Zäune, ein Merkmal des mexikanischen Stils, dienen nicht dazu, den Nachbarn auszusperren. Im Gegenteil, über den Zaun hinweg kann man sich zwangloser unterhalten und sich dabei anlehnen.

"Manche Latinos ziehen weg, in die Vororte, und begreifen nicht, warum sie sich dort nicht wohl fühlen. An den Wochenenden kommen sie in die alte Nachbarschaft zurück, ohne recht zu wissen, warum." James Rojas verzehrt genüsslich seine Quesadilla. Zur Mittagszeit ist jeder Tisch im "La Parrilla" besetzt. "Hier gibt es die beste Guacamole." Ein Mariachi kommt mit seiner Gitarre vorbei und beginnt lauthals vom allbekannten Täubchen "Cucurucucu Paloma" zu singen.

Kreativer Dialog

Jenseits dieser Klischees gäbe es noch viele East L.A.s zu entdecken. Nicht alle Anglos fürchten sich vor dieser Begegnung. Die Künstlerwerkstatt Self-Help Graphics an der Cesar Chavez Avenue ist ein Treffpunkt für alle, die den kreativen Dialog suchen. Im Vorhof steht die bunt bemalten Statue der Jungfrau von Guadalupe, Schutzpatronin Mexikos, davor steht gedankenverloren ein junges Paar; hell- und dunkelhäutig.

In der Grafikwerkstatt im Erdgeschoss konzentrieren sich junge Künstler auf ein gemeinsames Druckprojekt. Im ersten Stock thront der Leiter hinter einem von Bildern und Papieren übersäten Schreibtisch. Tomas Benitez schwitzt trotz des laufenden Ventilators. Der Nachmittag ist warm geworden, die schwüle Luft klebrig von den Abgasen der Freeways, die East L.A. umrahmen und zerschneiden.

"Teil meiner Aufgabe ist die eines Botschafters." Benitez ist mexikanisch-jüdischer Abstammung und kennt sich mit Vorurteilen aus. "Es gibt noch immer Leute, denen wir versichern müssen: Wir werden eure Kinder nicht auffressen."

Self-Help Graphics existiert seit dreissig Jahren und ist weltweit bekannter als auf der anderen Seite von L.A. "Warum sind Sie hier?", fragt Benitez herausfordernd. "Ich sage Ihnen, wieso - weil ihr alle Angst vor der Zukunft habt. Angst vor der Drittweltstadt. Der kosmische Witz dabei ist: Wenn mit der Angst, dem Verfolgungswahn, dem Kicken und Schreien und Sichwehren einmal Schluss ist, entdecken die Menschen am Ende, dass man ja auch zusammenarbeiten könnte. Dass nämlich alle vom gegenseitigen Respekt profitieren würden. Schliesslich sind auch wir Teil der amerikanischen Kultur."

Die Mexikaner waren zuerst da

Die Geschichtskenntnisse der meisten Kalifornier sind äusserst lückenhaft. Deshalb fällt es der Anglo-Bevölkerung leicht, sich als die "Einheimischen" zu sehen, die von fremden "Immigranten" bedroht sind. Dabei leben Mexikaner seit Hunderten von Jahren in Kalifornien, das einst ihnen gehörte. Als die Siedlung 1781 gegründet wurde, hiess sie noch El Pueblo de Nuestra Señora la Reina de los Angeles de Portiúncula.

"Aquí estamos y no nos vamos", erklärt Benitez, "wir bleiben hier, und ihr könnt uns nicht mehr loswerden, also - arbeiten wir besser zusammen, oder nicht?" Latinos werden nicht nur in Los Angeles, sondern bald in ganz Kalifornien, in Texas, New Mexiko und Arizona eine Mehrheit bilden. Egal, ob der Sieger am 5. Juni Hahn oder Villaraigosa heisst, er wird eine hispanische Stadt regieren. An diesem Frühsommertag in East L.A. keine Furcht erregende Vision.

* Die drei im Artikel erwähnten Personen mit dem Namen Lopez sind nicht miteinander verwandt.


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