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2003-01-07 Seite 2 Hintergrund Zerrissen zwischen Bush und Bagdad
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Bei den in den USA lebenden Irakern weckt der drohende Krieg wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Angst um die in der Heimat gebliebenen Angehörigen überwiegt.Ein Arbeiterviertel im Vorort San Bruno, gleich neben dem Freeway, auf dem der Abendverkehr zwischen San Francisco und dem nahe gelegenen Flughafen hin und her strömt. Die Einfamilienhäuser sind grau, schäbig. Doch den hier lebenden Immigrantenfamilien bedeuten sie alles: mit dem eigenen Heim, für das sie sich jahrelang abgerackert haben, erklimmen sie die erste Stufe des amerikanischen Traums. Das Wohnzimmer der Familie Hussain ist schlicht. Einzig eine vergoldete Kalligrafie hängt über dem mit Schüsseln und Schalen beladenen Esstisch. Der Einbruch der Dunkelheit im Fastenmonat Ramadan bedeutet für gläubige Muslime, dass jetzt gegessen und gefeiert werden darf. Obwohl die Familie seit dem Morgengrauen keinen Bissen zu sich genommen hat, essen die Hussains langsam und bedächtig. Selbst der 13-jährige Aiyman will lieber über die neuesten Nachrichten aus Washington diskutieren. Mit seinen blauen Augen entspricht er nicht dem Bild, das sich Amerikaner von Irakern machen. Seine drei Brüder sind alle noch an der Arbeit oder beim Studium am College. Mutter Nabiha hat im Haushalt wenig Hilfe. "Vier Söhne! Ich bin sehr müde!" Alles durch den Krieg verloren Vor sechs Jahren zogen die Hussains in die USA. Vater Kays hielt die Familie anfänglich als Tankwart und Autoverkäufer über Wasser. "Dabei habe ich viel über die Psychologie der Amerikaner gelernt." Jetzt arbeitet er wieder in seinem Fach als Geologe. Um seiner Familie willen hatte er alles daran gesetzt, aus dem Irak zu fliehen. "Wir selber waren nicht am Verhungern", sagt er, "aber wir mussten zusehen, wie unsere Nachbarn den Kehricht nach Nahrung durchsuchten." Vor dem Golfkrieg sei das unvorstellbar gewesen. "Jeder hatte Arbeit, das Salär eines Mannes genügte, um eine Familie zu ernähren. Die Krankenversicherung war gratis, ein Besuch im Spital kostete 25 Cent. Jeder hatte ein Auto, jedes Haus eine Klimaanlage für den Sommer. Durch den Krieg und die Sanktionen verloren wir alles." Der Sohn, Aiyman, war bei Kriegsbeginn erst vier. "Ich bin aufgewacht, als die Panzer am Haus vorbeirumpelten. Dann kamen die Bomben. In der Nacht zündeten wir Kerzen an, und Papa machte mit den Händen Schattenfiguren an die Wand und erzählte uns dazu Geschichten, damit wir nicht Angst hatten." Er habe immer versucht optimistisch zu bleiben, sagt Vater Kays: "Denn wenn ich traurig bin, dann spüren es die Kinder. Ich wollte nicht, dass sie von schlimmen Erinnerungen geplagt werden." Als es immer mehr Bomben hagelte, flohen die Hussains nach Najaf im Süden des Landes, wo die Familie der Mutter lebt. Dort begann nach dem Krieg der schliesslich missglückte Aufstand gegen Saddam Hussein. Die Hussains waren eben wieder nach Bagdad zurückgekehrt, als sie hörten, dass das irakische Regime an der Stadt Rache genommen hatte. Auch das Haus ihrer Familie wurde bombardiert. Nabihas Bruder wurde durch Bombensplitter am Kopf schwer verwundet, die siebzehnjährige Nichte trat auf eine Mine, welche ihre Füsse zerfetzte. "Es gäbe noch andere Geschichten", sagt Kays Hussain, "aber die darf man gar nicht erzählen." Es ist eine Weile still im Raum. Nabiha ist in der Küche verschwunden, um die Tränen in ihren Augen zu verbergen. Ein Schmerz, der nie heilen wird Der Kummer über die zurückgelassenen Angehörigen kann über Jahrzehnte hinweg dauern. Rod Sadack lebt seit 1978 in den USA und arbeitet als Ingenieur am Flughafen von San Francisco. Der Besuch in seinem Heimatland ist ihm verwehrt, aus politischen Gründen, über die er nicht sprechen will. "Für mich und für meine Familie ist unsere Trennung ein Schmerz, der nie heilen wird." Sadack ist einer der Leiter der Iraqi Community Association, einer gemeinnützigen Vereinigung der Iraker in Nordkalifornien. Das Versammlungslokal ist kahl, geschmückt einzig von den Gebetsteppichen auf dem Zementboden. Frauen strömen mit Scharen von kleinen Kindern herein und verschwinden im hinteren Raum. Die Kinder tauchen Minuten später wieder auf, allen voran ein schwarzlockiges Mädchen, zu klein noch für das Kopftuch, den Hijab. Die anwesenden Männer begrüssen uns freundlich, und Rod Sadack entschuldigt sich dafür, dass ihre Religion es ihnen nicht erlaubt, die Hand zu schütteln. Die meisten der Iraker hier seien Flüchtlinge, Opfer des Golfkriegs und der darauf folgenden Repressionen Saddam Husseins. Ein Grossteil kommt wie die Familie von Nabiha Hussain aus dem Süden, und es sind strenggläubige Schiiten. Sie bilden nicht die einzige Gruppe von Irakern in den USA. Eine relativ kleine Anzahl von Christen, die aus dem Irak kommen, lebt schon seit der Jahrhundertwende in den Staaten. Im Stich gelassen Die verschiedenen Gruppierungen sind sich politisch uneinig. Der exilierte irakische Schriftsteller und Berater der Regierung Bush, Kanan Makiya, erklärte zwar in einem Radiointerview im Oktober, die irakischen Flüchtlinge unterstützten "mit überwältigender Mehrheit den Krieg". In Wirklichkeit sind viele US-Iraker gespalten. "Klar wünschen wir uns alle einen Regimewechsel", meint Sadack, "aber nicht durch Krieg. Ein solcher bringt mit grosser Wahrscheinlichkeit nur einen anderen Diktator an die Macht. Ich habe dem Wirken der US-Regierung im Nahen Osten während Jahren zugesehen. Die handeln nicht aus Liebe zum irakischen Volk. Nach dem Golfkrieg hätte Saddam gestürzt werden können. Warum zogen sich die USA damals zurück?" Eine Frage, die bei jedem Gespräch mit Irakern auftaucht. Die Opposition im Irak hatte nach dem Golfkrieg eine gute Chance, Saddams Regime zu stürzen. Die USA versprachen ihnen Rückendeckung, liessen die Rebellen am Ende aber im Stich und lieferten sie dem Regime aus. Der Künstler Wafaa Bilal erinnert sich mit grosser Bitterkeit an jene Zeit. Wie Nabiha Hussain stammt er aus dem südlichen Ort Najaf, einem der Zentren der Rebellion. Als politisch aktiver Student entkam er einer Hinrichtung nur um Haaresbreite. "Zuerst dachten wir, die USA hätten einen ehrlichen Fehler begangen." Aber heute glaubt Bilal, der in Chicago Kunst unterrichtet, dass der Schachzug reine Berechnung war. "Die USA profitierten davon, dass Saddam Hussein im Amt blieb. Zwischen 1991 und 1998 verkauften sie Waffen im Wert von 400 Milliarden Dollar an die Golfstaaten, die sich von Saddam bedroht sahen", meint er. Für Bilal ist klar, dass der drohende Krieg die Situation nicht verbessern wird. "Gemischte Gefühle? Keineswegs - ich bin total gegen diesen Krieg! Die USA brachten Saddam an die Macht, sie unterstützten ihn, sie haben unser Volk 1991 verraten. Vom Ausgang eines Krieges werden allein gewisse Personen in der US-Regierung und in den Konzernen der Industrie profitieren. Ihre Motivation ist die Liebe zum Öl, nicht die Liebe zur Menschheit." Bespitzelt und angefeindet Die Exilgemeinde war denn auch nicht überrascht, als die Sicherheitsdienste ankündigten, dass im Zeichen des Antiterrorismus Hunderte und möglicherweise Tausende von Irakern überwacht werden. Rod Sadack, der als Ingenieur für die Sicherheit von Flugzeugen der United Airlines verantwortlich ist, zieht besonderes Interesse auf sich. "Ich hatte das FBI seit dem 11. September mehrmals im Haus. Ich nehme ihnen das nicht übel, ich bin schliesslich selber an einer funktionierenden Flugsicherheit interessiert. Wenn mich meine Kollegen ‹Taliban› nennen, reagiere ich, als sei es ein Witz. Reden wir über Politik, wähle ich meine Worte mit grosser Vorsicht, sodass mich keiner bezichtigen kann, unpatriotisch zu sein." ![]() Aiyman und Nabiha Hussain. Bild Mark Werlin Muslimische Frauen sind wegen des Tragens des Kopftuches besondere Zielscheiben. Nabiha Hussain, die uns nach dem Essen "Chai" (Tee) auf einem Silbertablett serviert, will aber nichts von Diskriminierung wissen. Sie selber werde im Supermarkt immer wieder freundlich angesprochen, erklärt sie. Ihr Englisch ist stockend, der Blick ihrer blauen Augen hingegen direkt und ohne Scheu. "Der Irak war einmal ein weltoffenes Land", sagt ihr Mann und erklärt sich das aus seiner Sicht als Geologe: "Da es von keinen natürlichen Schranken umgeben ist, zogen Menschen aus aller Welt hindurch. Das Zweistromland war ein Zentrum für Wissen und Kultur. In Bagdad studierte ich an einer Universität, die über tausend Jahre alt ist." Aiyman zeigt den Ring, den er an seiner rechten Hand trägt. Die Kalligrafie darauf bedeute "Gott". Die anderen Kinder an der Schule hätten ihn deswegen gehänselt. "Du brauchst nicht noch stolz auf deine Herkunft zu sein!" Doch Aiyman liess sich nicht einschüchtern. "Ich bin stolz darauf, wer ich bin", habe er geantwortet. "Und ihr solltet es eurerseits sein." |
"Ich habe wahnsinnige Schuldgefühle"Für die Bevölkerung hätte ein Krieg katastrophale Folgen, befürchtet die irakisch-amerikanische Journalistin Lorraine Ali.Mit Lorraine Ali sprach Sarah Paris "In diesen Zeiten Iraki-Amerikanerin zu sein, bedeutet Tränen und schlaflose Nächte." Diese Worte standen in einem persönlichen Essay der bekannten Journalistin und "Newsweek"-Redaktorin Lorraine Ali. Ihr Vater war Iraker, sie selber wuchs in Los Angeles auf. Ihr Essay in "Newsweek" über "das Bagdad, das ich kannte" und die Schilderung ihrer dort zurückgebliebenen Familie löste viele Reaktionen aus. "Ich bekam mehr Feedback, als ich je auf einen Text erhalten habe." Lorraine Ali, was war an Ihrem Essay so aussergewöhnlich? Leser haben mir geschrieben, sie hätten sich vorher nie wirklich Gedanken über den Alltag der Menschen im Irak gemacht. Die Berichterstattung der amerikanischen Medien über Muslime ist unglaublich verantwortungslos. Ob wir später auf diese Zeit zurückblicken und sie als ähnlich rassistisch beurteilen werden wie die Vierzigerjahre, als über Japaner Ähnliches geschrieben wurde? Es ist traurig, wie wir uns als Nation besser als andere vorkommen, wenn doch der 11. September bewiesen hat, dass wir in die gleiche Massenparanoia und den gleichen Rassismus verfallen, wie dies in anderen Ländern geschieht. Beruht das auf der Ignoranz gegenüber einer fremden Kultur? Arabische Kulturen sind in Amerika seit langem daheim, so lange wie die irische oder die italienische, nur wissen das die meisten Amerikaner nicht. Genauso wenig, wie sie sich bewusst sind, dass die meisten Araber in den USA Christen sind und nicht Muslime. Ich wuchs in L. A. auf, im Umfeld von Irakern, die äusserst progressiv waren, sowohl Frauen wie Männer. Viele Iraker, vor allem Frauen, weigerten sich, mit uns zu reden. Wovor fürchten sie sich? Muslimische Frauen reagieren deshalb paranoid, weil sie von den Medien und vom amerikanischen Volk so harsch beurteilt werden. Unter Amerikanern herrscht die Meinung, Araber oder Muslime hätten den Alleinanspruch auf die Unterdrückung von Frauen. In Wirklichkeit findet man diese in allen Kulturen und Religionen. Wie fühlen Sie sich in diesen Tagen als Iraki-Amerikanerin? Ich habe wahnsinnige Schuldgefühle. Ich lebe ein privilegiertes Leben in jenem Land, das in meiner eigenen Heimat so viel Leiden verursacht hat. Warum glauben Sie, dass die amerikanische Regierung Saddam Hussein nicht gestürzt hat, als sie 1991 die Chance dazu hatte? Ich frage mich manchmal, ob es nicht das eigentliche Ziel war, die Region aus dem Gleichgewicht zu bringen, um dadurch die Kontrolle zu wahren. Dieses Gerede über einen Regimewechsel stört mich. Wer trifft denn die Entscheidung darüber, wer danach die Führung übernimmt? Wenn es die USA sind, lehrt uns die Geschichte, dass die Konsequenzen für das Volk meist katastrophal sind. |