1999-08-19; Seite 2 Hintergrund

Pfadilager der Mächtigen in den Redwoods
von Sarah Paris, San Francisco

Amerikas reiche und rechte Männer haben ein exklusives Sommervergnügen: Im Lager des Bohemian Club dürfen sie - abgeschirmt von Medien und Frauen - ganz sich selbst sein.

Elf Monate im Jahr ist der Sonoma County Airport ein verschlafener Provinzflugplatz. Mitte Juli jedoch herrscht hier, 100 Kilometer nördlich von San Francisco, Hochbetrieb. Jet um Jet landet auf der Piste. Die Passagiere, alles Männer in massgeschneiderter Freizeitkleidung, eilen an den Fotografen der Lokalpresse vorbei zu ihren Limousinen. Ihr Ziel: das "Sommerlager" des exklusiven Bohemian Club. Über zweitausend Grössen aus Politik und Industrie kampieren während zwei Wochen im Juli unter den gigantischen Redwood-Bäumen Nordkaliforniens in einer streng bewachten Kolonie, der 1100 Hektaren grossen Bohemian Grove. Kein Zugang für Reporter, Aussenseiter - und vor allem für Frauen.

Das geheiligte Pinkeln

Der Bohemian Club in San Francisco beteuert, das Sommerlager diene keinen Verschwörungszwecken, sondern sei bloss eine einmalige Gelegenheit für die medienmüden Mitglieder, unter sich Erholung und Entspannung zu finden. Das Motto des Clubs bezeuge dies: "Weaving spiders come not here" ("Spinnen, webt an einem andern Ort", aus Shakespeares "Sommernachtstraum"). Mit anderen Worten: Deals einzufädeln, sei hier tabu. Teilnehmer bestätigen, dass es im Lager verpönt ist, allzu offensichtlich über Geschäfte zu verhandeln. Mobiltelefone sind strikte verboten, Fotoapparate nur in den einzelnen Camps erlaubt, Fax-Service steht nicht zur Verfügung, telefonische Mitteilungen von aussen müssen im Lagerzentrum abgeholt werden.

Die Gespräche beim gemeinsamen Essen unter freiem Himmel sind bewusst oberflächlich; man raucht Zigarren, trinkt bereits zum Frühstück Gin-Fizz oder Bloody Marys, reisst anzügliche Witze und geniesst es, für einmal ohne die lästigen Frauen ganz Mann sein zu dürfen. Ehrensache, dass ein ganzer Kerl trotz tagelangem Saufgelage nicht umkippt, sondern höchstens während einer langen Rede auf dem Gras einschläft. Das ständige Trinken führte zur heiligsten Tradition des Lagers: das Pinkeln an die Stämme der Redwoods - ein weiterer Grund, weshalb ein Einbruch der Frauen in den "Böhmischen Hain" "uns den Spass verderben würde".

"Unpolitisches" Treffen der Rechten

Die Liste der zweitausend Camp-Mitglieder ist ein wahres "Who's Who" der Republikaner. Jeder republikanische Präsident seit 1923 war Mitglied im Bohemian Club (sie kamen aber während ihrer Amtszeit nicht ins Lager, um keinen Medienrummel auszulösen). Reagan-Verteidigungsminister Caspar Weinberger ist Mitglied, der ehemalige Staatssekretär Al Haig ist häufig zu Gast. Newt Gingrich kreuzte auch dieses Jahr wieder auf. Ausländische Ehrengäste werden gerne empfangen. Helmut Schmidt war 1982 und 1991 als Gast von George Shultz im Lager. Dieses Jahr hielt der ehemalige französische Aussenminister Jean-François Poncet eine Rede über das "Neue Europa".

Diese "Lakeside Talks" am Ufer eines kleinen Sees sind eine Ausnahme von der offiziellen Regel, keine Politik zu diskutieren. Ursprünglich informelle Ansprachen entwickelten sich während Herbert Hoovers Amtszeit (1929-33) zu wichtigen - und der Öffentlichkeit unzugänglichen - politischen und wirtschaftlichen Bestandesaufnahmen.

Dieses Jahr war das Angebot relativ bescheiden: Der Chef der Uno-Abrüstungskommission, Richard Butler, sprach über "Saddam und ich"; "Desert Storm"-General Colin Powell schwelgte in "Amerikas Versprechen - das Leiten von Armeen und Kindern", und Peter Levine, Lord Mayor von London, setzte auf britischen Humor: "Wir erfanden das Regieren vor euch." Am interessantesten soll das Referat über die "Entwicklung der Umwelt" gewesen sein von Frank Popoff, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Chemiegiganten Dow Chemical. Ob er mit den Bohemiens privat über den bevorstehenden Zusammenschluss mit Union Carbide sprach, ist nicht überliefert.

Das Sommerlager bietet nicht nur interessante Reden, sondern auch Unterhaltung. Mit einem Riesenaufwand und Budgets bis zu 100 000 Dollar pro Show werden eigene Theaterproduktionen im Lager aufgeführt, begleitet vom eigenen 135-köpfigen Orchester und einem Chor. Künstler sind privilegiert und müssen für ihre Mitgliedschaft weitaus weniger bezahlen. Dafür wird von ihnen erwartet, sich an den Produktionen massgebend zu beteiligen. Das heisst monatelange Proben - für eine einzige Aufführung.

Professionelle Laienaufführungen

Traditionell die erste Show des Sommerlagers ist die Kremation der "Sorge", einer mythologischen Figur, die in einer pompösen Prozession von verhüllten Priestern mit einem grossen Aufwand an Hollywood-Spezialeffekten verbrannt wird. Die passenden Worte dazu erschallen vom Wahrzeichen des Lagers, einer 13 m hohen Eulenstatue - ihre sonore Stimme gehört Walter Cronkite.

Am letzten Wochenende wird das offizielle Grove-Schauspiel aufgeführt, das sich auf die erfundene Mythologie des Lagers stützt, eine Mischung von Druidenmystik, Artus-Legende, Shakespeare und Freimaurertum. Dieses Jahr sorgte der Zauberer Merlin für Bühnenmagie. Lockerer ist das Grove-Musical am zweiten Wochenende, das mit demselben Aufwand wie eine Broadway-Show aufgeführt wird, obwohl das Talent der Schauspieler - allesamt Mitglieder - oft zu wünschen übrig lässt. Doch alternde Politiker in Frauenrollen auf der Bühne zu sehen, ist genau die Art von Humor, die beim angeheiterten Publikum bestens ankommt.

Manche Prominente geniessen ihre Amateurrollen. Einer Anekdote von Journalist Philip Weiss zufolge, der sich vor einem Jahrzehnt für das Magazin "Spy" ins Lager schlich, trat ein Schauspieler im Musical in einer Kissinger-Maske auf. Als der Mann am Ende die Maske abnahm, stellte sich heraus, dass darunter Kissinger selber steckte. "Hier aufzutreten, ist mein letztes Aphrodisiakum", soll er dabei gesagt haben.

Bekannte Musiker werden oft zur Unterhaltung der Gäste eingeladen. Der blinde Jazzmusiker George Shearing ist langjähriges Mitglied. Sein Kollege Dick Hyman spielte dieses Jahr für die Gäste den Bar-Pianisten. Auch Hollywood-Prominenz, wie Clint Eastwood, findet sich unter den Mitgliedern.

Um das kalifornische Anti-Diskriminations-Gesetz zufrieden zu stellen, arbeiten einige weibliche Angestellte im Camp-Zentrum, dürfen das eigentliche Camp aber nicht betreten. Mitglieder und Gäste sind trotzdem nicht ohne Flirtgelegenheiten - von homosexuellen Flirts abgesehen, die seltener sind, als die Gerüchteküche wahrhaben möchte. Der Schriftsteller Herman Wouk (ein Mitglied) schrieb zu diesem Thema: "Männer können einander auch anständig lieben, das verstehen Frauen nie." In den Motels im nahe liegenden Monte Rio warten Scharen von sehr verständigen, sehr attraktiven Frauen, welche eigens für das Sommerlager aus ganz Kalifornien und vor allem aus dem Prostituiertenparadies Nevada anreisen.

Diese Invasion der Mächtigen und ihrer Entourage wird von der Bevölkerung von Sonoma County nicht ohne Protest hingenommen, besteht doch diese zu einem grossen Teil aus Anti-Establishment-Hippies. In der Folge bildete sich in den frühen Achtzigerjahren das Bohemian Grove Action Network, eine lose Gruppierung von verschiedenen Organisationen, denen die "Verschwörungen" der Republikaner ein Dorn im Auge sind.

Vom Aussterben bedroht?

Allerdings ist der Protest letzthin stiller geworden. Beide Seiten haben an Kampfeslust verloren; das Lager wird immer mehr zum Treffpunkt greiser Männer, die ihre glorreichen Jahre hinter sich haben. Die Reaganites sind alle über siebzig. Reagan hat Alzheimer. Allein dieses Jahr starben zwei Mitglieder während des Lagers an Infarkten, ein Dritter ist nach einem Herzanfall im Spital. Die Industriegiganten werden von einer neuen Generation abgelöst, die in Kaliforniens Hightech-Valleys Millionen scheffeln, Diet Coke trinken und mit traditionellen Konservativen wenig gemeinsam haben.

Vielleicht kommt das Ende der Bohemian Grove nicht mit der lang befürchteten Invasion der Frauen; vielleicht stirbt das Lager einfach aus. Die Tradition des Camps mag über hundert Jahre alt sein, für die gigantischen, zweitausendjährigen Redwood-Bäume wäre es eine kurze Störung ihres Waldfriedens gewesen.


Bild Lawrence Berkeley National Laboratory

Rares Dokument: Gin-Fizz-Frühstück am 23. Juli 1967 im "Owl's Nest" von Ronald Reagan (links), damals kalifornischer Gouverneur, mit Richard Nixon (rechts), der im Jahr darauf zum US-Präsidenten gewählt wurde.

 

Wo Präsidenten kampieren

Das Bohemian-Lager besteht aus über hundert "Camps"; die meisten sind keine Zeltlager, sondern komfortable bis luxuriöse Ferienhäuser mit je einem bis drei Dutzend Mitgliedern und Gästen. Manche der Camps sind äusserst exklusiv und selbst für Lagerteilnehmer nicht ohne weiteres zugänglich:

"Mandalay" liegt auf einem Hügel, der das Lager überblickt. Hier oben, verwöhnt von einem Team von Butlern und einem Gourmetkoch, spielen "Bohemians" wie Vater und Sohn Stephen und Riley Bechtel, Erben eines Baugiganten, Bridge mit ihren Lagergenossen John Akers (IBM), Henry Kissinger, Gerald Ford und George Shultz.

"Cave Man", ein Camp, das hinter dem Amphitheater des Lagers versteckt liegt, war früher die "Höhle" des langjährigen Mitglieds Richard Nixon. Gegenwärtig ist Präsidentenenkel Herbert Hoover III Camp-Captain und kümmert sich um seine Kameraden, den rechtsradikalen Bierbrauer Joseph Coors und den ehemaligen Nixon-Ministern Edwin Meese und Martin Anderson.

Ronald Reagan selber hauste früher im "Owl's Nest" und ist offiziell noch immer Mitglied. Ebenso der politische Kolumnist David Gergen, der dieses Jahr mit seinem Kollegen David Broder von der "Washington Post" und dem New Yorker Gouverneur George Patakis im "Eulennest" vor einem kleinen Kreis von Eingeladenen Hillary Clintons politische Chancen diskutierte. Hochgestellte, konservative Journalisten sind im Lager ohne weiteres willkommen - Diskretion vorausgesetzt. Einem Reporter des "National Public Radio" gelang es 1982, im Lager eine Rede von Kissinger aufzuzeichnen. Die Aufnahme wurde nie gesendet.

"Hillbillies" ist das Camp von George Bush - früher begleiteten ihn seine zwei Söhne George W. (Gouverneur von Texas und Präsidentschaftskandidat der Republikaner) und Jeb (Gouverneur von Florida). Dieses Jahr kreuzten sie nicht auf. War es einst für Republikaner politisch von grossem Vorteil, dem Bohemian-Sommerlager einen Besuch abzustatten, haben heute aktive Politiker Bedenken, Meldung davon könnte ihnen unter den Frauen Stimmen kosten. Den Hillbillies fehlt es dennoch nicht an Prominenten. Unterhaltung liefert der immer streitlustige William F. Buckley, der "Pate" der modernen Konservativen, und Walter Cronkite, die graue Eminenz der amerikanischen Nachrichtensprecher.

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Der Bohemian Club

Der Bohemian Club wurde 1872 in San Francisco gegründet und war ursprünglich eine Journalistenvereinigung - den reichen Zeitungsbesitzern war die Mitgliedschaft ausdrücklich verwehrt. Der Name stützte sich auf die "Scènes de la vie de Bohème" des Franzosen Henri Murger (1851), welche auch Puccinis Oper "La Bohème" (1896) inspirierten. Mark Twain, Ambrose Bierce und später Jack London waren prominente Mitglieder des Klubs. Der Idealismus von "Männern mit Talent, aber ohne Geld" zerbröckelte jedoch rasch. Mehr und mehr wohlhabende Mitglieder wurden zugelassen, um die Zeche für die ausgelassenen Feiern des Klubs zu bezahlen. Wer bezahlt, befiehlt: Innert zehn Jahren war die Organisation fest in den Händen der Geldgeber.

Oscar Wilde, der bei einem Besuch 1882 die gesamte Mitgliedschaft unter den Tisch getrunken haben soll, kommentierte: "Ich habe noch nie in meinem Leben so viele gut gekleidete, gut genährte, nach Kommerz riechende Bohemiens gesehen."



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