2003-10-29 Reisen

DAS ANDERE AMERIKA
von Sarah Paris, San Francisco

George W. Bush ist hier verhasst und Schwarzenegger äusserst unbeliebt - ein Streifzug durch drei bedeutende Quartiere San Franciscos, dem aufmüpfigsten Zipfel der USA.

 

NORTH BEACH: Wo der Beat geboren wurde

Natürlich ist San Francisco einer der schönsten Orte der Welt. Die Rundsicht auf Stadt und Bucht vom Coit Tower aus genügt, um Touristen aus aller Welt in Entzücken zu versetzen; die Kameraauslöser klicken ununterbrochen. Aber diese Besucher verpassen die eigentliche Pointe - obwohl sie buchstäblich darauf stehen. Der stolz in den Himmel reckende Turm wurde in den Dreissigerjahren von einer Gönnerin zu Ehren der städtischen Feuerwehr gestiftet. Offiziell soll der Turm die Düse eines Wasserschlauchs symbolisieren. Doch Einheimische verraten mit Augenzwinkern, dass die Gönnerin mit dem Turm einem anderen spritzigen Instrument der kräftigen Feuerwehrmänner Ehre gezollt hat.

 
 

Willkommen in der Stadt der Spötter, Sünder und Rebellen. Der Widerstand gegen das Spiessertum begann hier lange vor den ersten Hippies, vor den Antikriegsmärschen. Wer das Innere des Coit Towers erkundet, findet die Geschichte der Arbeiterbewegung in Kalifornien in bunten Fresken an die Wände gemalt. Die anschaulichen Kontraste von Arm und Reich galten bei der Eröffnung als so kontrovers, dass die Bilder jahrelang verhüllt blieben. Die dargestellten Arbeiter waren Immigranten, und ihnen ist die kulturelle Vielfalt zu verdanken, die San Francisco seit den Goldgräberjahren kennzeichnet.

Der steile Abstieg westlich vom Coit Tower führt mitten ins North-Beach-Quartier, einst als Little Italy bekannt. Heute sind Italiener in der Minderheit, aber die Strassencafés, Restaurants und Delikatessenläden gehören ihren Nachkommen, und der stete Westwind duftet nach Knoblauch und Basilikum.

Zum Aperitif setzt man sich auf die Terrasse von Enrico's, "denn von hier aus sehen Sie die ganze Show", meint Barkeeper Ward Dunham. Der schwere Mann, der sich auf einen handgeschnitzten Stock stützt, kam als blutjunger Matrose nach North Beach. Seither ist die Show in einem steten Strom an ihm vorbeigezogen: die Beat-Poeten, die Hippies, die Rapper, die Girls aus den Stripklubs, die Gangster und die Bullen, die nonchalant zuschauen.

Die Ströme von Touristen teilen sich an der Dreifach-Kreuzung von Columbus, Broadway und Grant: Die einen streben nach Erleuchtung, die anderen zum Hustler-Klub; Filmfans pilgern zu Francis Ford Coppolas Café; Pizzafans zu Tommaso's; Nachwuchspoeten zum City-Lights-Buchladen.

 
 

Der legendäre Buchladen, Geburtsort der Beat-Bewegung, feiert dieses Jahr sein 50. Jubiläum. In Feuilletons rund um die Welt wird von den Tagen geschwärmt, als stürmische junge Poeten wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg mit ihren vor Energie und Flüchen sprudelnden Lesungen die miefe Kultur der 50er-Jahre aus den Fugen hoben und mit wilden Roadtrips zwischen San Francisco und New York die Gegenkultur ins Rollen brachten. Von seinem Büro im oberen Stock aus schaut der letzte seiner Generation, der 84-jährige Dichter und Maler Lawrence Ferlinghetti, noch immer nach seinem Buchladen und auf das gegenüberliegende Café Vesuvio, wo man sich einst betrank. "Heute leider eine Touristenfalle", klagt Ward Dunham. "Was noch von den Beats übrig ist, trifft sich im Café Trieste."

 

CASTRO: Familienfreundliche Schwule

Mag über North Beach ein Hauch von wehmütiger Nostalgie liegen, so lebt man jenseits von Downtown, im von Schwulen geprägten Castro-Viertel, ganz in der Gegenwart. Allerdings geben nicht mehr wie noch in den 70er-Jahren die Party-Boys der Schwulenszene den Ton an. Nachdem in den 80er-Jahren mehr als 15 000 Anwohner Aids zum Opfer fielen, ist das Castro besonnener geworden - und offener. Heteros mit Kids sind willkommen.

Entlang der Hauptader Castro Street zu schlendern, ist besonders am Wochenende ein regelrechter Fasnachtsbummel. Wer Glück hat, stösst auf die Sisters of Perpetual Indulgence (etwa "Schwestern der fortwährenden Nachsicht"). Mit ihren schrillen Outfits und Künstlernamen werfen sich die Pseudononnen nicht nur zum Spass in Szene. Sie gelten als weltälteste Aidshilfsorganisation und veranstalten ausgelassene Bingoabende zu Gunsten von Forschung und Prävention.

 

 

 

Die beste Show läuft aber noch immer im Castro Theatre, einem der letzten der grossen Filmpaläste aus den Zwanzigerjahren. Der Zuschauerraum ist eine cineastische Kathedrale - 1400 Sitze unter einer barocken Stuckdecke mit einem Kronleuchter (der erdbebensicher sein soll). Vor der Hauptvorstellung fährt eine mächtige Orgel aus ihrer Versenkung hoch, mit einem befrackten Organisten, der vor der Vorstellung Musicalmelodien spielt und traditionell mit der Stadthymne "San Francisco" aufhört.

Wenn einem nach all dem Rummel nach Ruhe zu Mute ist, muss man nicht weit gehen. Durch die sonnigen Hügel des Eureka-Valley (wie das Castro früher hiess) führen Dutzende jener lauschigen Treppenstrassen, die San Francisco so fussgängerfreundlich machen.

 

Treppauf und runter führen sie vorbei an viktorianischen Häusern, farbenprächtigen Gärten, dösenden Katzen und im Gras rollenden Möpsen - und mehr und mehr Kindern. In diesem Quartier, wo Kinder einst kaum existierten, wächst heute eine einzigartige Generation auf. Die einen haben zwei Väter, die anderen zwei Mütter, wieder andere leben in einer Grossfamilie mit verschiedensten Hautfarben. Eine stille Revolution, nachhaltiger vielleicht als alle schrillen Demonstrationen.

 

 

MISSION: Die Zukunft den Latinos

Die Zukunft kommt den Kaliforniern spanisch vor, mit Recht. "La raza", die Rasse der Latinos, macht heute einen Drittel der Bevölkerung aus, und bis 2014 werden sie die Mehrheit im Staat sein. Das lateinamerikanische Quartier San Franciscos, die Mission, liegt gleich neben dem Castro. Die im Jahre 1776 von spanischen Patres gegründete Mission mit dem Namen "Dolores" brachte den hier lebenden Indianern fürwahr "Schmerzen". Denn die Weissen brachten nicht nur ihre Religion mit, sondern auch die tödlichen Masern.

Die Gebeine von mehr als 5000 Indianern liegen zwar im Friedhof hinter der Missionskirche begraben, doch ihre Namen stehen auf keinem der Grabsteine. Diese waren für die spanischen Toten reserviert. Hitchcock-Fans werden den verwunschen wirkenden Ort aus dem Film "Vertigo" wiedererkennen.

Während vor der Kirche die Touristenbusse Schlange stehen, verirren sich nur wenige Besucher ins eigentliche Herz des Viertels, "El Corazon de la Misione". Dabei hat die 24. Strasse einen ausgeprägten lateinamerikanischen Charme. Zwischen Gemüse- und Früchteständen, Bodegas, "Rock en Espanol"-Musikläden und unzähligen, meist einfachen Essbuden schlendert man wie durch eine Kleinstadt südlich der Grenze.

 

 

 

Sehenswert sind die Wandmalereien, die "Murales", für die das Quartier weltbekannt ist und zu denen das Precita-Eyes-Zentrum an der 24. Strasse am Wochenende Führungen veranstaltet. "Dieses Bild stellt die Solidarität unter Frauen dar".

Dozentin Paulette Roland zeigt mit der einen Hand auf Einzelheiten des sie überragenden Gemäldes. "Die Künstlerinnen wollten nicht diskriminieren", sagt sie mit einem Grinsen, "darum haben sie auch ein paar Männer in den Hintergrund gemalt."

 

Besucherinnen und Besucher interessiert vielleicht auch ein Abstecher ins Good Vibrations an der Valencia-Strasse. Dieser "saubere, gut beleuchtete Ort für Sex-Spielzeuge" ist so unterhaltsam wie lehrreich (für Erwachsene!). Aus dem Umfeld des Betriebs stammen eine Reihe bekannter Erotik-Autorinnen wie Susie Bright, die mit Witz und Mut den regierenden Puritanismus attackiert.

Den Grossteil ihres Gewinns macht die Genossenschaft allerdings im Versandhandel. So finden von San Francisco aus garantiert neutral verpackte, vibrierende Trostpflaster ihren Weg zu jenen Frauen (und Männern), die "draussen" im Ödland von Texas, Kansas und Arkansas ihr lustarmes Dasein fristen müssen.

 

Fotos: © 2003 Mark Werlin. Alle Rechte reserviert.


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